| Veranstaltung: | XXXIV. Bundeskongress |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 16.c. Allgemeine Anträge |
| Antragsteller*in: | Gabriel Paulus, Oleksa Woloschtschuk, Marvin Feigl, Doris Gherasim |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 06.10.2026, 23:59 |
A5: Demography is destiny - für einen liberalen Pronatalismus!
Antragstext
Demography is destiny - und niedrige Geburtenraten drohen, zum gefährlichsten
globalen Supertrend des 21. Jahrhunderts zu werden.
Die Geburtenrate in Österreich und der EU befindet sich auf einem historisch
niedrigen Niveau. Diese Entwicklung muss ausgebremst werden. Dabei darf das
Thema nicht von ideologischen Extrempositionen vereinnahmt werden, die Freiheit
einschränken oder gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. Nur breiter
gesellschaftlicher Konsens und die Wahrung der Freiheit des Einzelnen wird eine
nachhaltige Trendwende erlauben. Daher müssen wir auf positive Anreize und
Bewusstseinsbildung setzen, um eine freie und familienfreundliche Zukunft zu
gestalten.
Wie steht es um die Geburtenzahlen in Österreich, Europa und global? In
Österreich liegt die Geburtenrate im Jahr 2024 bei ca. 1,32 Kindern pro
Frau,[1] weit unterhalb des für den Bevölkerungserhalt nötigen Wertes von
2,1. Dies spiegelt die allgemeine Lage in Europa wieder, wobei auch viele
Länder mit traditionell höheren Geburtenraten wie die Türkei (1,5)[2] und
Indien (1,9)[3] ähnliche Rückgänge verzeichnen. Derzeit entsteht 90% des
globalen BIP - und wohl auch der globalen Innovation - in Ländern mit einer
Geburtenrate unter 2.[4] Besonders bedrohlich ist vor allem auch die
Geschwindigkeit des globalen Geburteneinbruchs: So fiel allein zwischen 2015 und
2023 die Geburtenrate in Chile von 1,78 auf 1,14, in Großbritannien von 1,79
auf 1,45, in Argentinien von 2,24 auf 1,35 oder in Südkorea von 1,24 auf
0,72.[5] Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Hingegen werden höhere
Geburtenüberschüsse nach wie vor insbesondere in Sub-Sahara-Afrika sowie
Zentralasien verzeichnet.
Eine niedrige Geburtenrate bedroht langfristig die ökonomische Stabilität und
Innovationskraft einer Gesellschaft. Für Europa geht es nicht nur um die
Finanzierbarkeit von Rentensystemen, sondern auch um die Frage, ob unsere
Gesellschaft in der Welt politisch, wirtschaftlich und militärisch bestehen
kann. Während sich im Jahre 1900 der Anteil Europas an der Weltbevölkerung
noch auf 25% belief, wird dieser bereits im Jahr 2050 voraussichtlich auf unter
7,5% sinken.[6]
- Es ist klar, dass niedrige Geburtenraten in keinem Fall durch mehr
Einwanderung kompensiert werden können. Zum einen wird sich der Mangel an
Menschen allein in Europa auf hunderte Millionen Menschen belaufen. Auch
in anderen Ländern/Regionen mit sehr niedrigen Geburtenraten wie der VR
China, Westasien oder dem gesamten amerikanischen Kontinent wird der
wirtschaftliche Druck zur Aufnahme größerer Zahlen von Einwanderern oder
temporären Arbeitskräften steigern, während die Länder mit
Arbeitskräfteüberschuss immer weniger werden.
- Darüber hinaus ist anzuerkennen, dass die Aufnahme einer kritischen
Anzahl an Einwanderern, insbesondere jenen aus kulturell weiter entfernten
Regionen, in Europa bereits jetzt zu großen politischen Spannungen führt
und weder als wirtschaftlich noch gesellschaftlich nachhaltig betrachtet
werden kann.
- Im Ergebnis ist die Tendenz eines globalen Bedeutungsverlusts liberaler
Demokratien und Bevölkerungsgruppen vis-à-vis “konservativerer” und
kinderreicherer Länder und Bevölkerungsgruppen sowohl global als auch
landesintern anzuerkennen.
Wir setzen uns dafür ein, Maßnahmen zur Förderung der Geburtenrate zu ergreifen,
die auf wirtschaftliche Anreize, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und
eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung von Eltern abzielen. Anzuerkennen
ist, dass die Geburtenrate in deutlich höherem Maß von gesellschaftlichen als
von wirtschaftlichen Faktoren abhängig ist. Dennoch kann auch durch
wirtschaftliche Anreize zumindest ein wichtiger, erster Schritt zur Ausbremsung
des aktuellen Trends gesetzt werden. Langfristig ist eine höhere
gesellschaftliche Anerkennung für Familien anzustreben.
Die Geburt eines Kindes bewirkt enorme positive Externalitäten für die
Gesellschaft, leider aber hohe Kosten bei den Erziehungspflichtigen. Es ist die
Aufgabe liberaler Politik, diese Art von Marktversagen zu adressieren. Mögliche
wirtschaftliche Maßnahmen zum Ausgleich dieses Ungleichgewichts sind z.B.:
- Steuersenkungen und/oder Steuersplitting für beide
Erziehungsberechtigten, z.B. nach französischem Vorbild. Dadurch soll
insbesondere die arbeitende Mittelschicht entlastet werden;
- die Vergabe von großzügigen zinsfreien Wohnraumkrediten pro Kind, je
nach örtlichen Umständen;
- Flexibilisierung der Arbeitswelt, damit Eltern Beruf und Familie besser
vereinbaren können, beispielsweise in Hinblick auf Elternkarenz, Home
Office, Arbeitszeitflexibilisierung und weitere Modelle. Dabei ist uns
wichtig, dass Angebote gleichermaßen von Müttern und Vätern angenommen
werden können. Generell sollen derartige Angebote die persönliche Freiheit
erhöhen.
Eine liberale Familienpolitik muss dabei ausdrücklich auch eine feministische
Politik sein. Die Möglichkeit, Kinder zu bekommen, darf nicht bedeuten, dass
Frauen zwischen Familie und beruflicher oder persönlicher Selbstverwirklichung
wählen müssen. Gerade deshalb müssen Betreuungsangebote, flexible Arbeitsmodelle
und eine gleichberechtigte Aufteilung der Elternschaft ausgebaut werden.
Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen gleichermaßen Frauen
und Männern zugutekommen und dürfen nicht zu einer Retraditionalisierung von
Geschlechterrollen führen. Eine höhere Geburtenrate kann nur dann nachhaltig
sein, wenn Frauen ihre Familienplanung frei verwirklichen können, ohne dadurch
ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit oder beruflichen Chancen aufgeben zu müssen.
Dazu gehört auch eine bessere Unterstützung rund um Schwangerschaft und Geburt.
Wir wollen daher die prä- und postnatale Gesundheitsförderung ausbauen, die
medizinische und psychologische Vorbereitung auf Schwangerschaft und Geburt
verbessern und das Vorbereitungsangebot für werdende Eltern erweitern. Ebenso
sollen alternative Möglichkeiten der Familiengründung und des Kinderbekommens
besser zugänglich gemacht und bestehende Hürden, soweit möglich, abgebaut
werden. Dazu zählen insbesondere moderne Reproduktionsmedizin und weitere Formen
der Familiengründung.
- Aufklärung über Fertilität für junge Menschen, um eine realistische
Erwartungshaltung hinsichtlich der eigenen Fertilität sowie der Chancen
und Grenzen technischer Hilfsmaßnahmen zu schaffen. Studien zeigen, dass
junge Menschen tendenziell ihre Fertilität stark überschätzen.
- eine allgemeine Bewusstseinsbildung über die Bedeutung dieses Themas für
unsere Gesellschaft. Im Idealfall sollte dies auch zu einer höheren
gesellschaftlichen Anerkennung für die Elternrolle, insbesondere für
Mütter, führen. Es ist anzunehmen, dass der „kulturelle“ Faktor das größte
Potenzial für eine demographische Trendwende bietet.
Wir lehnen konsequent Maßnahmen ab, die die individuelle Freiheit einschränken
oder stark polarisierende moralische Debatten entfachen. Dies wäre z.B. bei
Einschränkungen des Zugangs zu Abtreibungen, dem zwanghaften Versuch der
Rückgängigmachung der erhöhten Arbeitsmarktintegration von Frauen oder der
Benutzung historisch behafteter bzw. auf sonstige Weise spalterischer Rhetorik
der Fall. Solche Maßnahmen würden nur zu starken gesellschaftlichen Spaltungen
und einer Gegenreaktion führen, die das eigentliche Ziel der Geburtensteigerung
konterkarieren würde. Stattdessen müssen wir auf einen breiten
gesellschaftlichen Konsens setzen, der die individuelle Freiheit vergrößert und
positiv besetzt ist.
So zeigen Studien aus Spanien,[7] dass die gewünschte Anzahl an Kindern hoch
genug ist, um eine stabile Bevölkerung zu gewährleisten. Das Ziel darf damit auf
keinen Fall das „Aufdrängen“ einer Elternrolle in Fällen sein, in denen diese
ausdrücklich nicht gewünscht oder möglich ist. Vielmehr ist es das Ziel, die
Steine aus dem Weg räumen, die aktuell den Kinderwunsch oder den Wunsch nach
einer höheren Kinderanzahl erschweren.
Die Steigerung der Geburtenrate in der EU ist ein gemeinsames Interesse aller
Menschen, die sich ein stabiles und starkes Europa wünschen. Unsere Vision ist
eine Gesellschaft, die die Gründung und den Erhalt von Familien aktiv
unterstützt, ohne dabei individuelle Freiheiten zu beschneiden. Ein liberaler
Pronatalismus, der das Schaffen von Möglichkeiten und nicht das Einschränken von
Rechten in den Vordergrund stellt, ist entscheidend – durch wirtschaftliche
Anreize, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, hochwertige Gesundheits-
und Unterstützungsangebote, kulturelle Wertschätzung und positive
Zukunftsbilder.
Wir wollen nicht mehr Kinder um jeden Preis, sondern eine Gesellschaft, in der
Menschen ihren Kinderwunsch frei verwirklichen können. Nur so können wir
langfristig wirtschaftliche Stabilität, individuelle Freiheit und sozialen
Frieden sichern.
[7]Lowest low fertility in Spain: Insights from the 2018 Spanish Fertility
Survey (demographic-research.org)

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