| Veranstaltung: | XII. Mitgliederversammlung JUNOS Schüler:innen |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 13.3. Weitere Anträge |
| Antragsteller*in: | AG Gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 29.04.2026, 20:19 |
A1: Gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung
Antragstext
Das Leben vieler Kinder ist schon vorab bestimmt. Das Leben, das über den
Bildungsgrad, das Einkommen, die soziale Schicht und den Wohlstand entscheidet.
Das Leben, das festlegt welchen Beruf man einschlägt, welche Interessen man
verfolgt und ob lebenslanges Lernen nur als Schlagwort hängen bleibt oder als
aktive Entscheidung gelebt wird. Unser Staat und unsere Gesellschaft baut auf
einem zentralen Grundpfeiler – Freiheit. Die Freiheit sich selbst zu
entfalten, zu leben und lieben, wen man will, Verantwortung zu übernehmen und
jegliche Lebensstilmodele zu praktizieren, solange dies die Freiheit anderer
nicht einschränkt. Doch Freiheit ist nur so lange Freiheit, solange die Chancen
diese Freiheit auszuüben jedem und jeder gerecht zur Verfügung gestellt
werden.
Vor allem die Kindheit und Schulzeit sollte eine Abschnitt der Möglichkeiten
und des Aufwachsen sein, ohne Einschränkungen aufgrund von Herkunft, Wohlstand
und Elternhaus. Die Chance eines jeden Kindes und aller Schüler:innen sich so
zu entfalten, wie es für sie und ihn am besten ist, ist einer unserer, wenn
nicht der zentrale Grundpfeiler und Ziel.
Ungerechter Staa(r)t oder wenn Herkunft über
Bildung entscheidet
Bildung wird in Österreich sehr stark vererbt. Im OECD – Schnitt sind die
Ausprägungen klar erkennbar und inländische Studien weisen immer noch auf klar
identifizierbare Unterschiede in der Bildung von Kindern aus Haushalten
unterschiedlicher Bildungsniveaus hin.[1] Dieser Umstand erschwert nicht nur
Aufstiegsmöglichkeiten, sondern verhindert auch eine echte Wahlfreiheit des
Bildungsweges. Für uns, JUNOS Schüler:innen, ist klar, dass jede Schülerin
und jeder Schüler in Österreich die Möglichkeit haben sollte sich frei zu
entfalten. Talente und Motivation können nur in einem passenden System
gefördert und geschöpft werden, dass auch wirklich jede und jeden an der Hand
führt und bis zum Abschluss begleitet.
Nach dem Abschluss der Primarstufe scheiden sich für alle Schüler:innen die
Wege. Die Wahl oder die Pflicht eine Mittelschule oder eine AHS – Unterstufe
zu besuchen, stellt sich als zentrale Frage des späteren Werdegangs. Trotz der
augenscheinlich einfachen Entscheidung, die in vielen Fällen aufgrund von
Schulkontakten, frühen Noten und Leistungen, logistischen Möglichkeiten und
Interessengebieten getroffen wird, eröffnen oder schließen sich mit diesem
Zeitpunkt Türen und Tore für vielen Schülerinnen und Schüler. Eine
Auswertung der Statistik Austria zeigte, dass 92% aller Jugendlicher, die eine
AHS – Unterstufe positiv abschlossen, danach eine Schule mit Maturaabschluss
besuchten. Unter Mittelschulabsolvent:innen lag die Quote bei lediglich 42%.[2]
Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Tragweite dieser Entscheidung und legen
nahe, wie früh in Österreich in Schubladen und Schichten eingeteilt wird.
Zur Identifikation von Erfolgsfaktoren internationaler, chancengerechter
Bildungssysteme fußt dieser Antrag stark auf Berichten von zwei Expertinnen.
Einerseits erarbeiteten wir mit emer. Univ.-Prof. Mag. Dr. Dr. Christiane Spiel,
Universitätsprofessorin an der Universität Wien im Fachbereich
Bildungspsychologie, wesentliche Schwachstellen des aktuellen österreichischen
Systems und diskutierten über Schwierigkeiten in der Umsetzung und
Möglichkeiten der inneren Differenzierung. Andererseits präsentierte uns Fr.
Christine Stähelin, Mitglied des Basler Bildungsrates, Vergleichssysteme aus
verschiedenen Kantonen, namentlich Jura und Basel – Stadt, und informierte
über Schwierigkeiten und Potenziale in der Schweiz. Beide Berichte trugen
maßgeblich zur Ausgestaltung dieses Antrages bei und unser Dank gilt ihnen
beiden!
Um unseren Anspruch eines chancengerechten Bildungssystems gerecht zu werden,
setzt sich JUNOS Schüler:innen seit der Gründung für eine gemeinsame Schule
mit innerer Differenzierung ein. Darunter verstehen wir die Vereinheitlichung
des Bildungssystem von Beginn der Primarstufe bis zum Abschluss der
Sekundarstufe I durch die Zentrale Mittlere Reife. Äußere Differenzierungen
zwischen Schultypen sollen durch innere Differenzierungen ersetzt werden. Wir
erkennen die logistischen Schwierigkeiten eines einheitlichen Schulsystems an
und fordern die Umsetzung einer gemeinsamen Schule nach Differenzierungstyp B
nach IBW[3]. Hierbei wird die Primarstufe von der Sekundarstufe logistisch
(Klassenverband, Bildungseinrichtung, Lehrkräfte, etc…) getrennt, allerdings
auf ein einheitliches System gesetzt, dass keine Differenzierung zwischen
unterschiedlichen Schultypen zulässt.
Selbstverständlich dürfen Schulen weiterhin, auch in einem gemeinsamen
Schulsystem, autonom an eigener Schwerpunktsetzung und Ideen arbeiten. Eine
staatliche Leitung der Schulen lehnen wir ab.
Zur Förderung und Stärkung von Schulkindern erachten wir die innere
Differenzierung als ein wesentliches Merkmal der gemeinsamen Schule. Wir setzen
uns für ein zwei – geteiltes Unterrichtsmodell ein. In dessen ersten Teil der
Klassenverband und die Gemeinschaft durch gemeinsames Lernen gestärkt wird und
in dessen zweiten Teil der Fokus auf gruppenbasierter Förderung und Forderung
liegt. Die zeitliche Gewichtung der einzelnen Stundeneinheiten kann von der
Schulleitung oder der Lehrkraft individuell an die Bedürfnisse der
Schüler:innen angepasst werden. Der Schwerpunkt des gemeinsamen Unterrichts
sollte auf der Vermittlung eines Grundstocks liegen, der die wesentlichen Punkte
des Lehrplans umfasst. Der Gruppenunterricht, sollte sich an den Interessen der
Kinder und Jugendlichen und ihren Begabungen, Talenten und Schwächen
orientieren. In diesem Kontext erachten wir auch alters-übergreifende
Unterrichtsmodelle, bis zu einem gewissen Alters – und
Entwicklungsunterschied, für sinnvoll. Die innere Differenzierung soll als
wesentliche Ergänzung die unterschiedlichen Entwicklungen zwischen jungen
Kindern in der gemeinsamen Schule ausgleichen und die Lernerfolge für jeden und
jede gleichermaßen ermöglichen.
Nach dem Abschluss der gemeinsamen Schule sollten jeder Schülerin und jedem
Schüler alle Türen und Tore zu einer Weiterbildung und einem selbstbestimmten
Lebensweg offenstehen. Wir, JUNOS Schüler:innen, fordern aus diesem Grund eine
zentrale, standardisierte Abschlussprüfung, als Befähigungsnachweis der
erlernten Kenntnisse. Die zentrale Mittlere Reife soll die wesentliche
Fachkenntnisse für den Einstieg in eine weiterführende Schule als auch den
Besuch einer Berufslehre ermöglichen.
In Österreich werden nicht nur Bildungsniveaus, sondern auch Bildungspfade
weiter- und vorgegeben. Vor allem aus Akademiker:innenhaushalten werden, in
vielen Fällen, alternative Bildungswege nicht an Schüler:innen vermittelt. Wir
erachten deshalb, vor allem in Zeiten eines enormen Fachkräftemangels, eine
verstärkte Informationskampagne an Schulen über verschiedene Lebens – und
Bildungswege für sinnvoll. Weiters fordern wir die Ausweitung von Berufs –
und Schulbahnberatungen (bspw.: Talentecheck durch das WIFI) in allen
Abschlussklassen der Sekundarstufe I. Gleichzeitig setzen wir uns für den
schnellen, leichten und ungestörten Übergang zwischen Pflichtschule und
Lehrausbildungen ein. Aus diesem Grund fordern wir die Verlängerung der
Sekundarstufe I um ein weiteres Schuljahr, zu Lasten der Sekundarstufe II. Diese
Veränderung ermöglicht den Abschluss der Schulpflicht innerhalb eines
geschlossenen Systems und verhindert den Zwang weitere Bildungseinrichtungen
für ein Jahr besuchen zu müssen, um eine Lehre beginnen zu können.
Österreichs Bildungslandschaft – Ein System
mit Möglichkeiten
Für uns, JUNOS Schüler:innen, ist klar, dass Reformen Zeit und Ressourcen
brauchen. Vor allem die innere Differenzierung im Klassenverband kann kleinere
Schulen vor logistische Herausforderungen stellen. In Jahren von akutem
Lehrkräftemangel verschärft sich die Situation in vielen Schulen ohnehin.
Dementsprechend setzten wir uns für eine Ausweitung, Integration und
Aufklärung über außerschulische Übungen im Schulalltag ein. Diese reichen
von einzelnen Fortbildungsangeboten durch Privat – oder Lehrpersonen hin zu
politischen Großveranstaltungen (bspw.: Modell - UNO), an denen sich alle
Schüler:innen Österreichs beteiligen können. Wir sind davon überzeugt, dass
Lernen mehr ist als reiner Unterricht und erachten erweiternde
Fortbildungsangebote als sinnvolle Ergänzung zum Bildungssystem. Ebenso sind
wir davon überzeugt, dass Österreich ein Land der unendlichen Möglichkeiten
ist, die nur darauf warten geschöpft zu werden. Die Entlastung der Schulen
fängt an der Aufklärung über genau jene Möglichkeiten an.
Zur Debatte der Leistungsnivellierung (Dogmas,
die sich halten)
In der Debatte über die gemeinsame Schule trotzt ein Argument jeglicher Kritik
und hält sich vehement an den Seiten der Verfechter des getrennten Schulsystem.
Die Nivellierung des Gesamtniveaus nach unten aufgrund der heterogeneren
Zusammensetzung der Klassenverbände in einem gemeinsamen Schulsystem, wird vor
allem in Debatten über die Zusammenlegung der Sekundarstufen aufgebracht. Es
zielt darauf ab Angst unter jenen bildungsstarken Haushalten zu verbreiten, die
ihre Kinder ganz gezielt an eine AHS schicken (wollen). Doch dieses Argument
zerbricht schon unter näherer Betrachtung und wird durch zahlreiche Studien
(bspw.: IBW[4]) widerlegt. Statt der propagierten Folgen führt ein gemeinsamer,
heterogener Klassenverband nicht nur zur Stärkung der schwächeren
Schüler:innen, sondern auch zur einer Leistungsverbesserung bei besonders
Talentierten. Denn Leistungsunterschiede in Klassen und Gruppen decken nicht nur
besser die realen Bedingungen ab, sondern fordern auch begabte Mitschüler:
innen heraus, Inhalte neu zu überdenken und zu erklären. Wir bekennen uns klar
zu einer fundierten, wissenschaftsgetriebenen Beschlusslage und versuchen durch
empirische Untersuchungen und Expert:innenberichten das bestmögliche
Schulsystem zu gestalten.
Die gemeinsame Schule ist der Rahmen –
Verbesserungen im System das Bild
Dass die gemeinsame Schule nicht der einzige Schritt zu einer systematischen
Verbesserung in unserem Bildungssystem ist, liegt auf der Hand. Trotz des
Sprungs in eine chancengerechtere Zukunft, ist uns bewusst, dass noch
unglaublich viele Themen auf unserer Agenda stehen müssen. Aus diesem Grund
erachten wir die grundsätzliche Ausgestaltung und Veränderung unseres
Schulsystems als Rahmen für zusätzliche Forderungen und Potenzial für
zukünftige Ideen. So sollte die gemeinsame Schule nur ein Zuhause für all
unsere Visionen sein. Wesentliche Erweiterung, die zwingend in einem
chancengerechteren Bildungssystem Einzug finden muss, beinhaltet beispielsweise
die Ganztagesschule, die einen wesentlichen Schritt in Richtung Entlastung der
Eltern als auch Kinder setzt.
Für uns, JUNOS Schüler:innen, steht Folgendes fest: Wir treffen uns, wir
schreiben diese Anträge, wir diskutieren und wir fordern – nicht als
Selbstzweck, sondern als Mut zur Veränderung. Mutig, weil es Zeit brauchen wird
- Zeit zur Veränderung. Diese Zeit schreckt uns nicht ab, sondern stärkt uns
in dem, was wir machen. Wir werden uns auch in Zukunft, solange es dauert bis
Veränderung eintritt, für eine chancengerechtere Schule in Österreich
einsetzen. Eine Schule, in der jeder und jede die Talente und Begabungen
ausleben kann und in der gefördert und gefordert wird. Denn die Schüler:innen
Österreichs haben es verdient in einem Bildungssystem des 21. Jhd zu lernen und
zu leben! Lasst uns gemeinsam einen weiteren Schritt in Richtung Zukunft Schule
setzen!
[2]https://www.derstandard.at/story/3000000267672/bildungsweg-entscheidet-sich-
in-oesterreich-mit-wechsel-nach-volksschule

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