Veranstaltung: | Landeskongress Tirol |
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Tagesordnungspunkt: | 14.2. Leitantrag des Landesvorstands |
Status: | Beschluss |
Beschlossen am: | 09.12.2023 |
Basierend auf: | LANEU3: Sound of Future – der Tourismus von morgen |
Sound of Future – der Tourismus von morgen
Beschlusstext
Der Tourismus ist unbestritten eine wesentliche Quelle für Wirtschaftskraft und
Lebensqualität in Tirol. Dennoch schwindet die Begeisterung für den Tourismus
bei vielen Tirolerinnen und Tirolern. Sie haben das Gefühl, dass sie vom
Tourismusboom zu wenig profitieren und sich in ihrem eigenen Lebensumfeld
eingeschränkt und gestört fühlen. Außerdem bestehen Bedenken, dass der
Tourismus die Umwelt schädigt, verschmutzt und deutlich mehr Verkehr
verursacht.
Die Wirtschaftsförderpolitik der aktuellen Tiroler Landesregierung ist weder
zielgerichtet noch effektiv. Es werden Millionen an Landesförderungen ohne
klare Kriterien für Nachhaltigkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit
vergeben. Im Jahr 2018 hat Tirol mehr als doppelt so viel an
Wirtschaftsförderungen ausgegeben wie das Bundesland Wien. Besonders im
Tourismus werden viele Förderungen vergeben: für Kleinst- & Kleinskigebiete,
regionale Tourismusprojekte im Tiroler Oberland, Außerfern und in Osttirol.
Diese Politik halten wir für kurzsichtig. Die Förderungen bringen oft keinen
nachweisbaren Nutzen für den Tourismusstandort Tirol. Sie werden seit
Jahrzehnten vergeben, aber eine Überprüfung der wirtschaftlich nachhaltigen
Effekte bleibt aus.
Wir JUNOS sind überzeugt, dass die beste Wirtschaftsförderung in der
Vereinfachung von Bürokratie und in der Senkung von Steuern und Abgaben
besteht. Wir wollen keine Millionenförderungen für einzelne ausgewählte
Betriebe und Seilbahnkaiser, sondern bessere und faire Bedingungen für alle.
Davon profitieren vor allem kleinstrukturierte Betriebe. Die Liberalisierung der
Öffnungszeiten in Tirol ist längst überfällig und ist offensichtlich ein
Standortnachteil. Diese Maßnahmen würden auch die Interessen der Bevölkerung
widerspiegeln und die Tourismuswirtschaft weiter stärken.
Ein Beispiel für die missglückte Förderungspolitik des Land Tirols:
Die Osttirol Investment GmbH (OIG) ist eine Gesellschaft, die indirekt
überwiegend im Besitz des Land Tirol steht und zum Zweck der
Wirtschaftsförderung im Bezirk Lienz gegründet wurde. Als der bekannte
Liftkaiser Schultz aus dem Zillertal in das Osttiroler Skigebiet Kals kräftig
investierte, wollte man das nicht nur durch EU-Konforme Förderungen
unterstützen. So beteiligte sich auch die OIG mit 6 Millionen Euro an dem
Skigebiet, in dem es 25,1% der Anteile daran erwarb. Bereits damals stand der
Vorwurf der verdeckten Förderung im Raum. Im Jahr 2018 zog die Schultz-Gruppe
dann eine vertraglich vereinbarte Option und holte sich die Anteile der OIG
zurück. Da das Skigebiet bei weitem nicht den gewünschten wirtschaftlichen
Erfolg erreicht hat, brach ein Streit zwischen den beiden Anteilsinhaber,
Schultz und der OIG aus. Die Anteile sind bereit vor der Festlegung eines fixen
Kaufpreises an die Seilbahngruppe aus dem Zillertal gewandert. Bis heute wurde
für die damals um 6 Millionen (!) erworbenen Anteile lediglich 36.000€ an die
OIG überwiesen. Dieser Skandal ist in der Größenordnung wahrscheinlich ein
Einzelfall, jedoch bei weitem nicht einzigartig in Tirol. So wurden ähnliche
Praktiken auch in anderen Skigebieten angewandt. Das Augenmerk auf einen
wirtschaftlichen Erfolg der geförderten Projekte ist in Tirol quasi nicht
vorhanden und somit werden Millionen an Steuergelder wie mit einer Schneekanone
an zu warmen Tagen rausgeblasen, ohne einen Effekt zu erzielen.
Es fehlt in vielen Branchen in Tirol an qualifiziertem Personal. Besonders
ausgeprägt ist der Fachkräftemangel im Tourismus. Die Gründe des
Fachkräftemangels sind vielfältig. Obwohl die österreichische Bevölkerung
wächst, kommt es aufgrund der geringen Geburtenrate zu einem prognostizierten
Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung. Der demographische Wandel führt
durch weniger erwerbstätige Menschen zu mehr offenen Stellen, die oft nur
schwer nachbesetzt werden können. Besonders in der Branche des Tourismus hat
die Covid Pandemie ihre Spuren hinterlassen. Die Lockdowns zwangen viele
Fachkräfte aus dem Tourismus zu einer beruflichen Umorientierung und führten
somit zu einer Abwanderung in andere Branchen – diese Fachkräfte fehlen
heute. Wie schon lange auch im Gastgewerbe kritisiert, führen auch schlechte
Arbeitsbedingungen wie Stress, hohe körperliche Belastung und
familienfeindliche Arbeitszeiten zu Abwanderung in andere Branchen.
All dies führt dazu, dass viele Betriebe offene Stellen nicht mehr besetzen
können und ihre Betriebe dadurch nur eingeschränkt führen können. In
weiterer Folge führt das auch zu einer immensen Mehrbelastung der vorhandenen
Arbeiter:innen, was die Abwanderung in andere Branchen wiederum antreibt.
Folgend deswegen unsere Ideen, dem entgegenzuwirken:
Im Tourismus findet die Lehre beinahe ausschließlich jenseits von 9to5 statt.
Dadurch ist es für Lehrlinge dieser Branche viel schwieriger eine Lehre mit
Matura zu absolvieren.
Die Digitalisierung und Flexibilisierung der "Lehre mit Matura" ermöglicht es
mehr jungen Menschen, einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen und so dem
Fachkräftemangel entgegenzuwirken, indem sie die Barrieren und starren
Strukturen des traditionellen Bildungssystems überwinden. (Siehe dazu auch den
Antrag “Lehre mit Matura on demand gewährleisten” vom JUNOS-Tirol
Landeskongress am 19.Dezember 2022.[1])
Wir sehen das Programm Erasmus+ als eine fantastische Chance für unsere
Lehrlinge, selbstständiger zu werden, neue Sprachen zu lernen und sich
beruflich wie persönlich durch neue Ideen im Ausland weiterzubilden. Von den
erlernten Fähigkeiten profitiert dann natürlich auch der Lehrbetrieb und in
weiterer Folge der Wirtschaftsstandort hier bei uns.
Trotzdem nehmen dieses Angebot erschreckend wenig Lehrlinge in Anspruch. Der
Grund ist, dass existierende Angebote viel zu wenig koordiniert sind und die
wenigsten Betriebe und Lehrlinge überhaupt darüber Bescheid wissen. Außerdem
haben lokale Tourismusbetriebe häufig Schwierigkeiten Partnerbetriebe in
anderen Regionen oder Ländern überhaupt erst zu finden. Dazu könnten
Städtepartnerschaften der Gemeinden genutzt werden, das Angebot zu erweitern
und zu etablieren. Ein einfacherer und weniger bürokratischer Bewerbungsprozess
könnte darüber hinaus mehr Lehrlinge ermutigen sich für das Programm zu
bewerben und würde eine schnellere Abwicklung der Anträge ermöglichen. [2]
Die Lebensrealitäten haben sich in Tirol über die letzten Jahre und Jahrzehnte
verändert - die Lehrausbildungen dahingegen teils kaum. Auch wenn viele
Tiroler:innen ihr Schnitzel nach wie vor lieben, kann es keine Voraussetzung
dafür sein, dass man seine Lehre zum Koch machen kann. Viele potentielle
Ausbildungsbetriebe fallen durch die Regelung, dass zumindest ein
österreichisches Gericht auf der Speisekarte stehen muss, von vornherein weg.
Es muss doch reichen, wenn man in der Berufsschule zumindest ein
österreichisches Gericht lernt zu kochen.
Familienfeindliche Arbeitsbedingungen in der Tourismusbranche machen eine
ganzjährige und ganztägige Kinderbetreuung unumgänglich. Vor allem
Spätschichten und Wochenenddienste können mit dem aktuellen System nicht
gestemmt werden, da der Tourismus nicht nur 9 to 5 von Montag bis Freitag
stattfindet. (Siehe dazu Antrag vom Landeskongress Juli 2023 “Herdprämie
ohje, Kinderbetreuung olé - Ausbau der Kinderbetreuung in Tirol” [3])
Durch AR-Unterstützung ergeben sich neue Möglichkeiten Personal effizient und
dennoch präzise auszubilden, ohne dafür andere Personalressourcen einsetzen zu
müssen. So können z. B. Küchenhilfen durch eine AR-Brille rasch lernen und
auch in Echtzeit beim Verarbeiten von Lebensmitteln sehen, wie genau sie diese
schneiden oder bearbeiten müssen und für wie lange. Die Brille kann zudem
Live-Feedback geben um auch laufend einen Lernfortschritt zu erzielen. [4]
Zusätzlich muss auch das Potenzial der stattfindenden Migration insbesondere in
Zeiten des Fachkräftemangels durch qualifizierte Zuwanderung von vA
Fachkräften genutzt werden.
Studierende suchen in aller Regel einen Job neben ihrem Studium und viele
Gastronomiebetriebe suchen händeringend nach Arbeitskräften. Das ist doch ein
Perfekt-Match! Und dazu gibt es auch noch ein Ausbildungsangebot namens
“Students go Gastro”, bei welchem das WIFI kostenlose Gastro-Kurse für
Studierende in Innsbruck anbietet. Zum Abschluss werden immer auch noch
Gastronomiebetriebe eingeladen, die sich kurz als Arbeitgeber vorstellen und
dann mit den frisch Ausgebildeten ins Gespräch kommen. Wir finden das ist eine
gute Sache und fordern deswegen den Ausbau dieser Gastro (Schnell-)Kurse.[5]
Der Tourismus in Tirol profitiert von unserer einzigartigen Landschaft und
Natur. Um all das noch möglichst lange zu erhalten, ist es unumgänglich den
Aspekt der Nachhaltigkeit in diesem Kontext stets mitzudenken.
Die Anreise zu den Schigebieten ist nicht nur für Urlaubende, sondern besonders
auch für die Tiroler Bevölkerung oftmals eine Belastung. Endlose Staus bis in
Stadtgebiete, die nicht nur die dort lebende Bevölkerung stören, sondern
zugleich umweltschädliche Abgase erzeugen, zu geringe Busintervalle und teils
schlechte Anbindungen sind derzeit leider Realität. Wir sind der Überzeugung,
dass Nachhaltigkeit im Wintertourismus bereits bei der Anreise zur Gondelbahn
eine Rolle spielen muss und fordern daher die Attraktivierung des Öffentlichen
Verkehrs. Während die letzte Meile in den Ski-Destinationen selbst meist
bereits durch ein sehr dichtes Skibus Netz gut ausgebaut ist, gibt es bei der
Anreise in die Ski-Destination von außerhalb den größten Aufholbedarf. Mehr
Direkt-Züge aus den Haupt-Herkunftsländern der Touristen mit Buchung des
Tickets gleich bei der Buchung des Hotels, würden die Hürde klimafreundlich
mit dem Zug anzureisen, nehmen. Des Weiteren braucht es auch einen Ausbau des
Angebots vor Ort in Form von Bus- und Zuglinien mit höherer Taktung,
Buslinienverlängerungen, Gefäßgrößenausweitungen als auch einem Ausbau des
Angebots über die Tagesrandzeiten hinaus. Zudem kann auch durch die
Verbesserung der Transportmöglichkeiten von Schi im Zug durch geeignete
Schiständer oder ähnlichem der ÖPNV zielführend attraktiviert werden.
Wir finden, dass beim Thema erneuerbare Energien nicht alles auf nur eine Karte
gesetzt werden soll, wie es des Land Tirol derzeit beispielsweise mit dem
radikalen PV-Ausbau tut. Wir sind der festen Überzeugung, dass Schigebiete
ihrer Verantwortung bewusst sind und Windräder auf ihren Flächen aufstellen
wollen. Diese Vorhaben werden derzeit durch einen massiven bürokratischen
Aufwand und Unsicherheit der Umsetzung durch UVP und weiterem gehemmt. Daher
fordern wir eine massive Entrümpelung der rechtlichen Anforderungen sowie einer
Evaluierung der derzeitigen Praxis rund um Umweltverträglichkeitsprüfungen.
Die Tiroler Tourismusabgabe betrifft derzeit etwa 74 000 Unternehmer und kostet
diese einen Betrag von insgesamt 120 Millionen Euro jährlich. [6] Dabei ist es
der größtenteils der Willkür der Landesregierung überlassen, festzulegen,
welche Unternehmen angeblich wie stark vom Tourismus profitieren und folglich
wie stark zur Kasse gebeten werden. Dieses System halten wir nicht mehr für
zeitgemäß.
Wir fordern daher die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft in den
Tourismusverbänden nach §2 Tiroler Tourismusgesetz für Unternehmer, welche
laut derzeitiger Interpretation der Tiroler Landesregierung unmittelbar oder
mittelbar vom Tourismus profitieren. Mit dem Entfall der Pflichtmitgliedschaft
entfallen auch die Pflichtbeiträge nach §30 Tiroler Tourismusgesetz [7]
(umgangssprachlich als „Tourismusabgabe“ bekannt). Als Gegenfinanzierung
fordern wir eine Erhöhung der Gemeindeaufenthaltsabgabe von 2,50€ auf
4,50€.